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Dadurch,
dass ja die Muttersprache von Jesus das Aramäische war, ist uns leider
keines von Jesu Worten im Original überliefert worden. Der
Thomastext, der darum zuerst wohl in Hebräisch verfasst worden
war, wird auch als fünftes Evangelium Christi bzw. als so genanntes
Evangelium nach Thomas bezeichnet. Bereits gleich im ersten Textabschnitt -
dem Logion 001 - wird dort erklärt, dass es sich hier um im Geheimem
gesprochene
Worte Jesu handelt, die einstmals Judas Thomas
(hebräisch: der Gepriesene; arabisch: hammad, von daher Nag Hammadi mit dem Beinamen Thomas, aramäisch: der
Zwilling) aufgeschrieben hatte. Er erachtete sie offenbar für so
gewichtig, dass er sie durch sein Aufschreiben auch noch der
Nachwelt hinterlassen wollte. So heißt es im Logion 001 weiter am
Schluss, dass
wer die Bedeutung dieser Worte versteht, den Tod nicht schmecken muss.
Geheim
sind diese teilweise hochsensationellen Worte Jesu also nur im Sinne
von geheimnisvoll. Mit Esoterik oder gar Okkultismus können sie
deswegen absolut nichts gemein haben. Dennoch wurde der Thomastext im
Rahmen der bereits schon bei Kirchengründung einsetzenden
Verbannung allen gnostischen Schrifttums gleich mitausgegrenzt. Man
bezeichnete das Thomasevangelium als apokryph, was nun so viel
wie unecht oder falsch heißt. Nach kirchlicher Auffassung ist der Thomastext
zusammen mit den sonstigen Apokryphen (andern nicht anerkannten
frühchristlichen Schriften) nicht authentischen Ursprungs. Bei
ihrer Beurteilung des Thomastextes gingen die Kirchenväter des
ersten Konzils um 400 nach Christus von ihrem damaligen
Daseinsverständnis aus, der auf dem Dualismus beruhte. Hierbei
handelt es sich um eine religiös-philosophischen Lehre, wonach es
nur zwei voneinander völlig unabhängige ursprüngliche Prinzipien
im Weltgeschehen gebe. Darin wären Gott und Welt zwei völlig
verschiedene Dinge, die absolut nichts miteinander gemein haben
können.
Dann
war die dem entgegengesetzte Vorstellung anders Denkender -
Gott in sich selbst suchen und finden zu können, als so
genannte Gnosis oder Gnostik - reinste Häresie bzw.
Gotteslästerung. Das war sodann für die Kirche Grund genug
jegliches Schrifttum gnostischer Anhauchung aus dem Kanon der christlichen
Glaubenslehre zu verbannen, sowie Gnosis und Gnostik überhaupt als
antichristliche Sichtweisen zu brandmarken. Doch
heute wissen wir glücklicherweise dank unserer modernen naturwissenschaftlichen Errungenschaften in
der Physik und Kosmologie,
welch einen baren Unsinn ein derartiges dualistisches Weltbild darstellt. Alles
hängt bekanntlich mit allem zusammen, weil das Ganze - insbesondere
das größtmögliche Ganze - sozusagen nach Adam Riese immer nur ein
einziges sein kann. Von daher kommt ja der Begriff des Alls oder auch
des Universums, welches sich frei als alles in Einem übersetzt.
Voneinander Unabhängiges kann es darin schlichtweg nicht
geben. Und so muss dem Thomasevangelium - sollte sich die Vernunft
am Ende doch noch durchsetzen - über kurz oder lang die kirchliche
Zukunft gehören.
Aber
auch das Neue Testament enthält insbesondere bei Johannes und in
der Apostelgeschichte gnostische Passagen, die man - ohne sie
folgenlos aus dem Text entfernen zu können - billigend in Kauf
genommen hatte. Im verfemten Thomastext hat Jesus die volle Größe,
die man ihm im Rahmen des Dualismus trotz Dreieinigkeit und
Gottessohnschaft hintenrum wieder wegegekappt hatte. Sozialistische
und kommunistische Fehldeutungen und Herabwürdigungen waren so die
zwangsläufige Folge gewesen. Damals bis noch ins vorletzte
Jahrhundert hinein wusste man es vielfach eben nicht besser. Doch
heutzutage in unserem totalen Informationszeitalter kann es für
solche Verzerrungen Jesu keine Entschuldigungen und keine Nachsicht
mehr geben.
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